Dr. Marion Oliner-Michel im Kurfürst-Salentin-Gymnasium
Am 9. Februar 2000 weilte Dr. Marion Oliner-Michel am Kurfürst-Salentin-Gymnasium. Sie war einer Einladung des Schulleiters gefolgt und hielt einen Vortrag vor Schülerinnen und Schülern der 10. und 11. Jahrgangsstufe.
Die Referentin wurde im Jahre 1929 in Andernach geboren. Sie ist eine Enkelin Moritz Loebs, an dessen Weinhandlung in der Hochstraße sich noch viele ältere Andernacher erinnern, und eine Cousine Prof. Dr. Ernst Loebs. Ihre Mutter, Charlotte Loeb, heiratete einen Juden aus Merxheim, Jakob Michel. Deren Schwester, Blanka Loeb, heiratete in zweiter Ehe Julius Michel, einen Bruder ihres Mannes.
Die Familie Jakob Michel verließ Andernach im Jahre 1936 und zog nach Köln. Dort mußte Marion Michel die jüdische Schule besuchen. Da die Nazis beschlossen hatten, die deutschen Schulen „judenfrei“ zu machen, durfte sei keine andere Schule besuchen. Bei allen Schwierigkeiten, die die Familie damals durchlebte, glaubte sie - und sie nicht allein -, daß dieser Albtraum bald vorüberginge. Die Juden betrachteten sich als vollwertige Deutsche. Sie hatten sich doch so sehr bemüht, sich in die deutsche Gesellschaft einzugliedern. Sie hatten auch im 1. Weltkrieg für Deutschland gekämpft und einen hohen Blutzoll entrichtet. Mit etwas Geduld, so hofften viele, könne man diesen Sturm überstehen. Erst in der Reichskristallnacht (1938) mit ihren Ausschreitungen und Übergriffen merkte Marion Michel, wie schlimm die Nazis und wie hoffnungslos die Lage der deutschen Juden tatsächlich waren.
Flucht und Deportation der Eltern
Diese Einsicht veranlaßte Jakob Michel im Mai 1939, nach Belgien zu fliehen. Zusammen mit anderen Flüchtlingen und mit Hilfe eines Schmugglers überschritt er mit seiner Familie „bei Nacht und Nebel“ die grüne Grenze bei Aachen. Mit ihnen zogen Leute, die den illegalen Grenzübertritt schon elfmal vergeblich versucht hatten. Die Familie Michel hatte dagegen das Glück, Belgien schon beim ersten Versuch zu erreichen.
Ein Jahr später, im Mai 1940, marschierten die deutschen Truppen in Belgien ein. Marions Vater wurde von den Belgiern in Brüssel verhaftet, weil er einen deutschen Paß hatte und daher als Deutscher und als Feind galt, anschließend wurde er nach Südfrankreich verschleppt und in ein Lager eingeliefert, das die französische Regierung eingerichtet hatte, um darin die Spanier, die nach dem Sieg Francos (1939) nach Frankreich geflohen waren, zu internieren. Dieses Lager wurde von der Vichy-Regierung weitergeführt und diente zur Aufnahme ausländischer Juden.
1941 floh die Mutter mit ihrer Tochter Marion und ihrem Neffen Werner Weinberg nach Frankreich, weil sie bei ihrem Mann sein wollte. Werner Weinberg war der Sohn ihrer Schwester Blanka Michel, geb. Loeb, aus erster Ehe und ein ehemaliger Schüler des Stiftsgymnasiums. Es war eine abenteuerliche Flucht, „wie im Film“, erzählte sie im KSG, wobei es galt, die französisch-belgische Grenze, die Somme-Linie und schließlich die Demarkationslinie zwischen dem besetzten und dem unbesetzten Frankreich zu überschreiten.
An der französisch-belgischen Grenze holten die Deutschen die illegalen Flüchtlinge aus dem Zug und beraubten sie all ihrer Habe. Über die Somme-Linie fuhren sie in einem Güterzug, in dem sie sich versteckten und zum Glück nicht entdeckt wurden. Über die innerfranzösische Demarkationslinie zur unbesetzten Zone trauten sie sich nicht nachts zu gehen, da die deutschen Patrouillen von Hunden begleitet wurden. So wagte Charlotte Michel den Grenzübertritt am hellichten Tag, was auch sehr gefährlich war, weil die Flüchtlinge dabei ein freies Wiesengelände überqueren mußten. Nach ihrer Ankunft in der sogenannten freien Zone nahm die französische Polizei sie fest, ließ sie aber bald wieder frei. Auch nachdem sie in der Schweiz angekommen war, wurde Marion Michel zunächst von der Polizei vorübergehend festgenommen. Dabei hatte sie das Glück, nicht nach Frankreich zurückgeschickt zu werden, wie es anderen Juden passierte, und durfte nach Zürich weiterreisen.
Die Familie traf tatsächlich den Vater wieder, den die Franzosen im Jahre 1942 zuletzt im Lager Les Milles bei Aix-en-Provence interniert hatten. Von dort wurden Jakob und Charlotte Michel und ihr Neffe Werner Weinberg im August 1942 über das Durchgangslager Drancy bei Paris nach Auschwitz verschleppt. Ihre Tochter hatte Glück. Man ließ sie damals aus dem Lager heraus, weil sie erst zwölf Jahre alt war. Nach dem Krieg stellte Marion Michel über das Rote Kreuz Nachforschungen über das Schicksal ihrer Eltern an. Nach fünf Jahren erfuhr sie, daß ihre Mutter in Auschwitz sofort nach ihrer Ankunft vergast worden sei. Man habe ihr noch nicht einmal eine Nummer gegeben. Ihr Vater habe noch drei Monate überlebt. Er sei in die Krankenstation eingeliefert worden und dort „krepiert“. Niemand wisse zu sagen, ob er an einer Krankheit oder einfach an Entkräftung gestorben sei.
Flucht in die Schweiz
Es gab in Frankreich eine jüdische Organisation, die Organisation au Secours des Enfants (OSE), die Kinderheime in ihrer Obhut hatte und sich um die jüdischen Waisenkinder kümmerte, deren Eltern deportiert worden waren, wobei sie sich bemühte, möglichst viele Kinder unauffällig ins Ausland zu schleusen. Auch Marion Michel wurde von der OSE betreut. Dank dieser Organisation konnte auch sie in einem strapaziösen Fußmarsch über die grüne Grenze in die Schweiz entkommen, wo sie in Zürich bei Lina Wolfers, geb. Loeb, einer Jüdin aus Merxheim, Zuflucht fand. In Zürich ging sie zur Schule und blieb, bis sie 1946 nach Amerika auswandern konnte. In Amerika durfte sie eine der besten Schulen des Landes besuchen. So erhielt sie eine gute Ausbildung. Sie fand auch Anerkennung, was ihr nach all den schrecklichen Erlebnissen besonders gut tat. Frau Dr. Oliner meinte zum Abschluß ihrer Vortrags, sie habe versucht, eine echte Amerikanerin zu werden. Dies sei ihr allerdings nur zum Teil gelungen, da sie ihre europäischen Wurzeln nicht verleugnen könne.
Die Wortmeldungen der Zuhörer
Die erste Schülerin, die sich zu Wort meldete, fragte nach dem „schwersten Erlebnis Ihres Lebens“. Frau Dr. Oliner antwortete: Mit zwölf Jahren Vollwaise zu sein, sei das Schlimmste, was sie erlebt habe. Waise zu sein bedeute, daß man keine Familie mehr habe, auf sich allein gestellt und völlig entwurzelt sei. Sie sei völlig mittellos gewesen und habe bei ihrer Flucht in die Schweiz nur einen kleinen Koffer als einzige Habe besessen. Sie sei sich vorgekommen „wie eine Wurst, die man durchgeschnitten“ habe. Schlimm sei auch, wenn man in der Fremde seine Muttersprache nicht mehr sprechen könne, andere Leute nicht verstehe und auch nicht verstanden werde. Auch den Verlust der Sprache habe sie als besonders schwer empfunden.
Für die deutschen Juden komme noch ein anderer Aspekt hinzu. Sie hatten sich mit Deutschland identifiziert und fühlten sich gleichsam „aus dem Haus geworfen“. Sich als Deutsche zu fühlen und gleichzeitig die Deutschen als Feinde ansehen zu müssen, sei auch sehr schwierig gewesen. Zum ersten Mal habe sie diesen Zwiespalt sehr deutlich bei Einmarsch der deutschen Truppen in Belgien im Mai 1940 erlebt. Trotz der Gefahr, die die Ankunft der deutschen Truppen für die Juden heraufbeschwor, habe die Sprache der deutschen Soldaten in ihr spontan heimatliche Gefühle geweckt.
Auch nach dem Verhalten des Umfelds in Andernach wurde gefragt. Dazu sagte Frau Dr. Oliner, daß dies für sie zunächst keine große Rolle gespielt habe, da die Juden in erster Linie unter Juden verkehrten und auch die jüdischen Kinder miteinander spielten. Es habe jedoch nichtjüdische Familien gegeben, die mit Juden befreundet gewesen seien.
Im Dritten Reich zogen sich die Leute jedoch von ihren jüdischen Freunde zurück. Frau Dr. Oliner zeigte Verständnis für dieses Verhalten. Sie sagte dabei unter anderem, daß jüdische Familien von sich aus ebenfalls ihre Kontakte zu „christlichen“ Familien einstellten, weil sie wußten, daß für die Freunde Kontakt zu Juden eine Gefahr bedeuteten. Deutlich angesprochen wurde in diesem Zusammenhang, daß es unter Nachbarn, Freunden und sogar unter Familienangehörigen viele Denunzianten gegeben habe, vor denen man sich in acht nehmen mußte, wie jener Mann, der die Tageszeitung zu nächtlicher Stunde heimlich in den Briefkasten eines Juden steckte und Angst hatte, von einem Mitbewohner des Hauses gesehen zu werden.
Aber auch in Belgien sei es zu unerquicklichen Begebenheiten gekommen, die Frau Dr. Oliner allerdings weniger als Ausfluß von Antisemitismus, sondern eher als eine Folge der belgischen Deutschenfeindlichkeit empfand. Auch unter Juden verschiedener Nationalität habe es Schwierigkeiten gegeben, etwa dadurch, daß die deutschen Juden verächtlich auf die polnischen Juden herabschauten, weil sie kein richtiges Deutsch, sondern nur Jiddisch sprachen.
Die beiden letzten Fragesteller baten um Auskunft über die Empfindungen der Referentin bei ihrer Rückkehr nach Andernach und über ihre Beziehungen zu dem Staat Israel.
Zum ersten Mal sei sie im Jahre 1976 nach Andernach zurückgekehrt, lautete die Antwort. Nach dem Krieg sei sie zunächst zu sehr mit sich selbst beschäftigt gewesen, um sich in den USA einzuleben. An Deutschland habe sie mit sehr zwiespältigen Gefühlen gedacht. Sie habe eine Mauer um sich aufgebaut, der den Gedanken einer Rückkehr nach Andernach erst gar nicht aufkommen ließ. Es habe lange gedauert, bis, wie sie sagte, „die Zeit reif wurde“, um eine Rückkehr nach Andernach tatsächlich wieder ins Auge zu fassen. Wenn sie den Weg nach Andernach gefunden habe, so verdanke sie es einerseits ihrer Tochter, die Andernach vor ihr besucht habe, und der befreundeten Familie Müller aus Andernach, die ihr das Gefühl vermittele, ein gern gesehener Gast zu sein. Es gebe aber auch noch Juden, die es als einen Verrat betrachteten, daß sie wieder nach Deutschland reise.
Über ihre Beziehungen zu Israel sagte die Referentin: Dieser Staat sei für sie ein besonderes Land, wobei sie in diesem Zusammenhang von einer „schuldbeladenen Beziehung“ sprach, weil sie sich ursprünglich verpflichtet gefühlt habe, sich in Israel niederzulassen. Sie habe zwar ihren Wohnsitz nicht nach Israel verlegt, fühle sich aber diesem Staat, den sie als „ihren“ Staat betrachte, besonders verbunden. Sie nehme an dem politischen und kulturellen Geschehen in Israel regen Anteil und unterstütze durch Geldspenden eine „progressive“ Organisation, die sich um eine gute Zusammenarbeit zwischen Juden und Arabern bemühe.
Die Zeit verging wie im Flug. Zum Abschluß lobte Frau Dr. Oliner ihre Zuhörer. Ihrer Meinung nach hatten sie die „richtigen“ Fragen gestellt habe, die auf die wichtigen Sachverhalte abzielten. Wer in den nächsten Tagen bei Schülerinnen oder Schülern, die den Vortrag gehört hatten, nachfragte, erhielt ermutigende Rückmeldungen. Von daher bleibt zu hoffen, daß Frau Oliner-Michel bald wieder den Weg ins Kurfürst-Salentin-Gymnasium finden möge.
W. F.