Kirsten Rulf: Berufswahlunterricht als Projekttage
„Orientierungshilfen für eine zielstrebige Berufswahl bieten“ war der Leitgedanke des Laufbahnberaters Walter Reis und seines Kollegen Rudolf Kerres vom Kurfürst-Salentin-Gymnasium in Andernach. Und dabei sollte möglichst, neben interessenorientierten Informationen, eine persönliche Kommunikation mit Personen des beruflichen Lebens sowie wie mit potentiellen Arbeitgebern und ihren Anforderungen an erster Stelle stehen. Mit diesen Vorstellungen begaben sich die beiden Salentiner allerdings auf völliges Neuland, denn eines war von vornherein klar: Der bisher durchgeführte Berufswahlunterricht konnte in seiner Form diese Anforderungen nicht erfüllen.
So wurden kurzerhand die ersten Berufswahlprojekttage für die 12. Klasse des Andernacher Gymnasiums organisiert und durchgeführt. Geplant war, die 12. Jahrgangsstufe so aufzuteilen, daß jeder Schüler jeweils einen der beiden Projekttage mit Vorträgen über Studienmöglichkeiten und Sonderausbildungen für Abiturienten am KSG verbrachte. Den verbleibenden Projekttag nutzte man zu einer Betriebserkundung und zu persönlicher Information im Mayener Berufsinformationszentrum (BIZ). Den etwa 100 Schülern wurden fünf verschiedene Betriebe zur Betriebserkundung angeboten: die Firma Heuft Systemtechnik in Brohl, die Firmen Altec, Bicma und Brohl-Wellpappe in Mayen sowie das St. Elisabeth-Krankenhaus in Mayen stellten sich jeweils für einen halben Tag einer Schülergruppe zur Erkundung zur Verfügung.
Für die Information über Studienmöglichkeiten und Sonderausbildungen luden die Organisatoren Reis und Kerres Referenten von FH und Universität Koblenz, der Verwaltungshochschule Mayen, Industriebetrieben, Bundeswehr und vergleichbaren Institutionen ein. Bei den Schülern kam die Idee, den bisherigen Berufswahlunterricht mit dem Abiturientenberater Rolf Müller durch Projekttage zu ersetzen, prinzipiell gut an. Jedoch regte sich auch Kritik: „Viele denken, daß die Betriebe zu einseitig naturwissenschaftlich-technisch orientiert ausgesucht wurden. Berufe in der Verwaltung oder Tätigkeiten, die ein eher geisteswissenschaftliches Studium voraussetzen, wie etwa Jurist, sind kaum abgedeckt“, faßt Nico Günther, Schülersprecher des KSG und selbst in der MSS 12, die Meinungen seiner Mitschüler zusammen. „Außerdem sind auf dem Wahlbogen bis auf wenige Ausnahmen ausschließlich Lehrberufe wie Kfz-Mechaniker und Hauswirtschafterin aufgeführt - Berufe, die Abiturienten nur selten wählen“. Diese Kritik findet natürlich Gehör bei den Organisatoren. Die Organisation erfolgte in Zusammenarbeit mit der Berufsberatung des Arbeitsamtes Mayen. Auf dem Wahlbogen führte dieses nur die Berufe auf, in denen die zur Wahl stehenden Betriebe auch tatsächlich ausbilden. Außerdem steht nicht jeder Betrieb für eine Erkundung durch Schülergruppen uneingeschränkt zur Verfügung. Von den fünf Betrieben, die uns einen Besuch ermöglicht haben, gehörten vier zum produzierenden Gewerbe, weil sich eine Produktion vor Ort leichter präsentieren läßt als Dienstleistung, Handel oder Handwerk“, erklärte Walter Reis.
Letztlich aber war man sich in der Schülerschaft nach der Durchführung der Projekttage trotz der Vorbehalte im Vorfeld weitgehend einig: „In jedem Fall haben uns allen die Berufswahlprojekttage weit mehr gebracht als der bisherige Berufswahlunterricht, der zu Beginn des Schuljahres noch stattfand“, ist sich Schülersprecher Nico Günther sicher. „Einige hatten die Gelegenheit, Insiderinformationen aus erster Hand zu erhalten, die sie für ihre persönliche Berufsentscheidung noch benötigten. Viele wurden zunächst ganz allgemein über die bestehenden Möglichkeiten informiert: eine gute Basis für eine Entscheidung. Ich persönlich fand es auch einmal interessant, die Möglichkeit zu einer Betriebserkundung zu erhalten. So etwas wird einem auch nur selten geboten.“ Abiturientenberater Rolf Müller, Walter Reis und Rudolf Kerres dürfen also durchaus mit ihrer Initiative zufrieden sein.
Abschließend bleibt die Frage, ob das Kurfürst-Salentin-Gymnasium die Projekttage beibehält oder im nächsten Jahr wieder den bisherigen Berufswahlunterricht durchführt. „Ich möchte die Berufswahlprojekttage für die 12. Klasse am KSG in modifizierter Form auch künftig durchführen. Eine Entscheidung über die Grundsätze der Berufswahlvorbereitung ist allerdings der Gesamtkonferenz vorbehalten“, so Walter Reis.